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„DER DIE DAS Unberechenbare“

Seit über einem Jahr zerreibt sich unsere Gesellschaft an der Covid-19 Pandemie: Ängste, Verlust, Spaltung, aber auch Hoffnung, Sicherheit und Glaube. Zukunft? Ist noch etwas berechenbar? Oder alles Berechnung? Unvorhersehbare Zeiten, spekulativ, unabwägbar.

Wie entwickelt sich die Gesellschaft in Baden-Württemberg weiter? Oder: Wie entwickelt sie sich hinaus aus der Pandemie?

Spannende Fragen, die unsere Zukunft prägen.

Diesen Zeitraum möchte ich mit alten, analogen Kameras begleiten und die jeweils gegebenen Situationen, sowie die entstehende gesellschaftliche Entwicklung festhalten. Kompositionen aus meiner Sicht und mit meiner Handschrift.

Die Kameras werden mit längst abgelaufenen Negativfilmen bestückt. Filme beginnen von dem Tag an zu altern, also sich zu verändern, an dem sie hergestellt wurden. Diese Veränderungen sind erst nach der Entwicklung zu erkennen. Nur wenn dann ein größerer Fundus an Filmen der gleichen Sorte und gleichen Lagerung vorhanden ist, kann durch Belichtung und Entwicklung Einfluss auf das Ergebnis genommen werden. Hier wird also mit Filmen gearbeitet, die durch ihre Überlagerung auch jegliche Garantie und Sicherheit verloren haben. Speziell die farbigen. Ergebnisse werden unkalkulierbar, Berechnungen werden bei der Filmentwicklung spekulativ. Das Material verhält sich launenhaft, zufallsabhängig – wie so viele Positionen in dieser Pandemie. Es können auch Ängste entstehen. Ängste vor dem Verlust des Fotos, des Lichtbildes. Und es gibt doch Hoffnung. Hoffnung auf Stimmungen, welche der belichtete Film nach seiner Entwicklung preisgibt. Welche Kontraste er in der schon durch die Pandemie unberechenbaren Gegenwart letztlich zulässt. Eine durchweg experimentelle Situation.

Das Ergebnis der Arbeit kann als klassische Ausstellung wie auch in Onlinepräsentationen gezeigt werden.

So die Kurzbeschreibung meines Projektes im Förderantrag, welchen ich heute vor zehn Monaten, am 07.04.2021, eingereicht habe. Zehn Monate. Ich hatte eigentlich die Hoffnung, das Projekt in dieser Zeit abschließend beenden zu können. Wie entwickelt sich die Gesellschaft hinaus aus der Pandemie, das war eine der gestellten Fragen. Und in dieser, sich unberechenbar entwickelnden Pandemie sitzen wir nach wie vor fest. So wird sich auch dieses Projekt weiter entwickeln.

Die Pandemie für sich ist nicht mehr der inhaltliche Schwerpunkt. Aber einer der maßgeblichen Auslöser. Mit Auswirkungen auf das Zusammenleben in unserer Gesellschaft, auf Kultur, Bildung, Umwelt, Politik und die Wirtschaft. Diese Effekte sind in sich fließend und werden durch den Umgang miteinander, einen immer rauer werdenden Ton, verbunden mit schwindender Toleranz, geprägt. Dazu allzu oft als Bevormundung empfunden. Bis in die Familien hinein. Verstärkt durch stockende Lieferketten und politische Verunsicherungen werden Existenzängste und deren Auswirkungen deutlich. Gesundheitssysteme kollabieren, die negativen Auswirkungen auf den Krankheitsverlauf vieler Patienten werden erst in Jahren sichtbar sein.

Seit März 2021 arbeite ich an diesem Projekt. Altes Fotoequipment wurde zusammengetragen. Inzwischen wieder mühsamer und teurer, da die analoge Fotografie vor allem bei jungen Leuten wieder Interesse erweckt. Die kreativen Möglichkeiten der analogen Filme werden vermehrt geschätzt. Insgesamt kamen über 200 Filme zusammen, Kleinbild und Rollfilm, Negativ wie Positivfilm und dazu etliche Packungen 4 x 5 Inch Blatt Negative für Großformatfotografie. Sechs verschiedene Kleinbildkameras, vier Mittelformatkameras mit den Formaten 6 x 4,5 cm und 6 x 6 cm, sowie eine 4 x 5 Inch Laufbodenkamera wurden als Werkzeug genutzt. So war der – für mich – einzige Nachteil der analogen Fotografie die festgelegte Lichtempfindlichkeit des Filmes. Um darauf reagieren zu können, musste ich doch meist mehrere Kameras mitführen. Aber jede Kamera, vor allem jedes Objektiv hat auch seinen eigenen Charme. Die längst abgelaufenen und somit unberechenbar gewordenen Farbfilme boten oft völlig überraschende Ergebnisse. Mechanische Probleme, wie hängendes Filmmaterial in der Patrone traten sehr selten auf. Dann war aber auch der Film und damit das Fotomotiv verloren. Oder zumindest stark zerkratzt. Einigen Filmen war die Überlagerung bei vermutlich zu hohen Temperaturen deutlich anzumerken. Die Fotos waren regelrecht „verkocht“, sprich sehr körnig und nur aus völlig verfälschten Farben bestehend. Andere bekamen einen Farbstich, ins Magenta oder Cyan gehend. Die schwarzweißen Filme dagegen zeigten, obwohl oft vor über zwanzig Jahren abgelaufen, kaum Veränderungen. Einen gewollten Einfluss auf die Kreativität hatten die alten Filme, mal abgesehen durch die unterschiedlichen Formate, nicht. Wie geplant waren sie dem Projektgedanken entsprechend unberechenbar.

Die entstandenen Fotografien zeigen so in Augenblicken erfasste Eindrücke des Fotografen, wie auch Kompositionen zur Thematik. Fotografien, in Schwarzweiß gehalten, entstanden während des Lockdowns, in der Ausgangssperre. Verstörende Bilder von sonst mit Leben gefüllten Stadtvierteln. Da stellt die Frage, was machen all die Menschen, die sonst hier arbeiten, sich vergnügen oder Kontakt suchen, gerade jetzt – in diesem Augenblick? Themen, die sonst, nur für sich allein, kaum oder nur isoliert zur Kenntnis genommen werden, sind durch die Pandemie und die daraus resultierende Konzentration der Berichterstattung und zwangsläufig entstehenden Diskussionen allgegenwärtig. Wie Gesundheit, ob physisch oder psychisch. Klimawandel, Energieprobleme. Facharbeitermangel. Lieferschwierigkeiten bei sonst im Überfluss vorhandenen Dingen wie Holz oder Papier, politische Entwicklungen und deren oftmalige Kurzlebigkeit. Die sich immer weiter offensichtlich abzeichnende Spreizung der Schere zwischen Arm und Reich. Einschneidende Änderungen in der Kultur, den Abläufen im täglichen Leben, symbolisiert von Testzentren an allen Ecken. Lieferservice, wo sonst gutes, gemütliches Speisen war. Überlaufene öffentliche Parks und Wälder. Abgekapselter Urlaub im Wohnmobil, Abstand, selbst die Blicke - ausweichend. Anonymität hinter der Maske. Jeder war auf irgendeine Weise damit konfrontiert.

Es ist am Betrachter, das Befinden unserer Gesellschaft, auch sich selbst, in den Fotografien zu erkennen. Sich kritisch damit auseinanderzusetzen und zu versuchen, Lösungen zu erarbeiten. Auch im Kleinen. So könnte auch ein Weg hinaus aus der Pandemie sichtbar werden. Selbst wenn jetzt noch ein Farbstich darüber liegt: sicherlich das Ziel Aller.

Lutz Schelhorn, 07.02.2022

 

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